Am 03.10.2010 fiel zum 14. Mal der Startschuss für den Köln Marathon. Wobei ich dieses Mal nur auf der Halbmarathondistanz unterwegs war. Wie jedes Jahr bietet der Köln Marathon eine große Auswahl an verschiedenen Wettbewerben. Von der Kulturstaffel, dem Schulmarathon, Handbikemarathon, Inlinemarathon über den 10-Kilometerlauf bis hin zum Halbmarathon und Marathon ist alles dabei.
Um dies alles an einem Tag zu ermöglichen, fiel der Startschuss für den 10-Kilometerlauf bereits um 8:00 Uhr, der für den Halbmarathon um 08:45 Uhr. Das bedeutet frühes Aufstehen am Sonntag, denn wer nicht in unmittelbarer Nähe zum Startbereich wohnt, muss erst noch mit Bus und Bahn oder dem PKW anreisen. Apropos PKW: Obwohl der Termin für eine solches Großevent fast ein Jahr im Voraus bekannt ist, wurde von Seiten der Baubehörde ausgerechnet das Kölner Marathonwochenende dazu auserwählt, eine Vollsperrung der Autobahn A3 im Raum Köln durchzuführen. Verkehrschaos war daher vorprogrammiert. Zum Glück wohne ich in Köln und so stellte sich das Problem für mich nicht
Zurück zum Startbereich:
Wer seinen Kleiderbeutel in 400 Metern Entfernung vom Startbereich abgeben möchte, musste sogar noch frühzeitiger erscheinen. Denn leider ist festzustellen, dass es auch in diesem Jahr zwar möglich ist, bereits am Donnerstag, Freitag oder Samstag seine Startunterlagen abzuholen. Nicht jedoch auch seinen Kleiderbeutel zu deponieren. Das ist nur am Starttag machbar. Also schleppte ich am Freitag vergeblich die Wechselklamotten mit zur Marathonmesse und von dort dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause.
Vorspiel:
Zum Warmlaufen hat der Veranstalter einen eigenen, abgegrenzten Bereich zur Verfügung gestellt, wo Läufer jeder Couleur ihre Runden drehten, um sich aufzuwärmen. Trotz der recht guten Toilettenhäuschen-Ausstattung bildeten sich auch in diesem Jahr wieder lange Schlangen davor und je näher der Startschuss rückte, desto nervöser und häufiger blickten die Wartenden auf ihre Laufuhr.
Die Stimmung war, typisch für Köln, ausgelassen und "Jeck". Mit niederschmetternder Deutlichkeit tönte "Viva Colonia" aus den Lautsprechern, so das der Kommentator Mühe hatte, sich verständlich zu machen. Immerhin konnte er mehr oder weniger Läufer mit der Information versorgen, dass ????? Läufer beim Halbmarathon am Start wären. Die 5 Fragezeichen standen mit einiger Sicherheit für die Zahl 13.000.
Gestartet wurde aus zwei parallel angelegten Startbereichen, die ihrerseits wieder nach Bestzeiten in verschiedene Zonen unterteilt waren, die durch entsprechende Farben markiert sind, welche ihr Äquivalent auf der eigenen Startnummer fanden. Das sah dann ungefähr so aus:
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STARTBEREICH 1
weiss, grün, orange, gelb, blau, rot
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xxxxxxxxxxxxxxxxxxx ABSPERRUNG xxxxxxxxxxxxxxxxxxx LAUFRICHTUNG --->
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STARTBEREICH 1
weiss, grün, orange, gelb, blau, rot
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Obwohl ich aus dem ersten Startblock (rot) loslegte und sich zwischen mir und den Schwarzafrikanern höchstens eine Pufferzone von ca. 10 Metern befand (ich war im Vorfeld zum Halbmarathon noch krank gewesen und wollte auch nicht übertreiben), kamen wir nach dem Startschuss einfach nicht in die Gänge. Gleich hinter der Kontaktmatte für die Zeitnahme kam es faktisch wieder zum Stillstand. Der Grund zeigte sich recht schnell:
Die Idee mit dem zwei Startbereichen war an sich hervorragend umgesetzt. Nur leider führten diese beiden Startbereiche kurz darauf zu einem Nadelöhr, das die läuferische Bewegung gleich wieder ausbremste. Denn noch vor der Deutzer Brücke war rund die Hälfte der theoretisch zur Verfügung stehenden Straßenbreite durch Absperrungen begrenzt worden. Auch auf der Deutzer Brücke ging es beengt zu. Insgesamt musste ich gleich auf den ersten 2 Kilometern rund 2 Minuten Zeitverlust hinnehmen.
Danach entzerrte sich das Läuferfeld nach und nach. Den Neumarkt hatten wir bereits hinter uns gelassen und bogen links in den Hohenstaufenring ein. Hinter dem Barbarossaplatz gab es eine Wendeschleife bei Kilometer ???. Moment mal... ich fragte mich das schon eine ganze Weile... wo sind eigentlich die Kilometerschilder hingekommen?
Wollte ich doch jeden Kilometer die Zwischenzeit stoppen, um sie anschließend im Online Lauftagebuch eintragen und ein Diagramm des Laufwettbewerbs erstellen zu können. Habe ich was verpasst? Ja. Nämlich das rechtzeitige Stoppen. Denn die Beschilderung erwies sich als sehr verwirrend. Der Halbmarathon ist auf der Streckenkarte rot markiert. Der Marathon blau und der 10 Kilometerlauf grün. Auf der Strecke selbst sind die Marathonkilometer zuverlässig mit blau ausgeschildert. So weit, so klar. Rote Schilder suchte ich jedoch vergeblich. Denn, ja, bis (fast) Kilometer 4 sind Halbmarathon- und Marathonstrecke identisch. Aber danach erschienen grüne Kilometerschilder. Bis mir klar wurde, dass diese wohl nicht zum 10 Kilometerlauf gehörten sondern offenbar für die Halbmarathonkilometer dienten, war es längst zu spät. Inzwischen hatte ich schon viel zu viele Zwischenzeiten nicht gestoppt. Außerdem waren die Schilder sehr niedrig angebracht und konnten zwischen den Läufern und Zuschauern nicht immer lokalisiert werden.
Weiter ging es über die Luxemburger Straße. Wenig Zuschauer, morgens um kurz nach neun. Kann ich verstehen - ich würde um diese Zeit wahrscheinlich auch noch nicht draußen rumstehen. Beim Marathon wird es wahrscheinlich voller werden. Interessant war der Rückwärtsläufer, den ich neugierig überholte. Muss ganz schön anstrengend sein, alle ein bis zwei Sekunden über die Schulter linsen zu müssen, um sicherzustellen, dass man nicht gegen einen der voraus laufenden Läufer prallt. Ich frage mich auch jetzt noch, ob dafür beim Köln Marathon eine offizielle Zeitnahme im Rückwärtslaufen möglich ist, oder der Junge das nur für sich selbst machte.
Nach zuschauerarmen Abschnitten an der Dürener- und Klosterstraße wurde es auf der Aachener Straße wieder belebter. Hier überquerten wir auch die Kontaktmatte - die ersten 10 Kilometer waren geschafft! So weit kein Problem, alles im grünen Bereich - auch die Kilometerschilder waren weiterhin grün statt rot. Das logische Prinzip, das dahinter steckte, glaubte ich inzwischen verstanden zu haben:
Rote Halbmarathonstrecke auf der Streckenkarte = Blaue Beschilderung auf den ersten 4 Kilometern und grüne Beschilderung ab Kilometer 5.
Aber egal: ich hatte es inzwischen sowieso aufgegeben, meine lückenhafte Zwischenzeitendokumentation fortsetzen zu wollen.
Tatort Richard-Wagner-Straße!
Von rechts näherte sich ein Krankenwagen mit Blaulicht, das aggressiv in den noch jungfräulich-bewölkten Sonntag Morgen hineinblitzte. Die Temperaturen waren optimal für einen solchen Lauf. Da hatten wir es deutlich besser als später die Marathonis, die um 11:30 Uhr bereits strahlenden Sonnenschein und während des Laufs ca. 23 Grad im Schatten hatten - ziemlich warm für einen Marathon.
Läufer laufen. In diesem Fall stoisch vor sich hin, ganz egal, ob da ein Krankenwagen von links, oder im aktuellen Fall von rechts kommt. Selbst der Krankenwagen musste sich beugen und eine Lücke im Läuferfeld abwarten, denn kaum einer war gewillt, den Lauffluss zu unterbrechen. Schwungvoll biegen wir nach links in den Ring ein. Plötzlich wimmelte es von Zuschauern. Von allen Seiten schleuderten die Rufe mitten ins Läuferfeld, eine besonders hübsche Zuschauerin hielt mir ihr Banner direkt vor die Nase: "Ihr seht toll aus!".
Ich war mir eiskalt bewusst, dass sie hemmungslos log. Ich sah garantiert nach vielem aus, aber nicht nach Schönheit. Trotzdem schenkte ich ihr ein Lächeln, begleitet von einem desillusionierten Blick, den sie auffing und mit einem erfreuten Auflachen quittierte. Na also: Das gibt doch gleich einen kleinen Energieschub, um weiterzulaufen. Denn immerhin sind erst 12 Kilometer geschafft und neun weitere liegen noch vor uns.
Mittelteil:
Zwischen Friesenplatz und Ebertplatz lichtete sich das Zuschauerfeld deutlich. Apropos "Feld": Inzwischen waren die Läufer, die viel zu schnell gestartet sind und ihre Kräfte nicht eingeteilt haben, zurückgeblieben. Nach rechts und nach links, nach hinten und nach vorne: Überall herrschte viel mehr Platz. Am Ebertplatz war erneut eine kleine Schleife zu laufen, dann ging es den Weg via Hansaring zurück. Die Streckenverpflegung war ausgezeichnet und die ehrenamtlichen Helfer voller Energie. Manche schienen einen Wettbewerb im Dauerlächeln zu veranstalten. Vielleicht waren sie auch leicht amüsiert über den bemerkenswerten Haufen Läufer, der mit ernstem, ja fanatischen Blick vor sich hinrannten. Im Schnitt gab es weniger als alle 5 Kilometer Verpflegungsstände. Genauer gesagt bei ca. Kilometer 5 / 8.5 / 12.5 / 14.5 / 18.5 und - in riesiger Dimension - im Ziel.
Die Strecke führte zurück zum Friesenplatz, von dort zum Rudolfplatz und links in die Hahnenstraße. Einige Läufer hatten sich böse verkalkuliert und spazierten mit hängenden Schultern und schlaffen Mundwinkeln am Straßenrand entlang. Manch einer von ihnen schöpfte in Angesicht des anhaltenden Jubels neuen Mut und lief wieder los. Insgesamt schien hier, bei Kilometer 18, so langsam die Erschöpfung um sich zu greifen. Über die Schildergasse ging es zum Dom, der erhaben aber gelangweilt auf uns herabschaute. Schließlich sieht er dieses Spektakel jedes Jahr aufs Neue. Hier machte den Läufern das Kopfsteinpflaster zu schaffen. Wer jetzt müde Beine hatte, musste bei jedem Schritt gut aufpassen, um nicht der Länge nach hinzufliegen.
Höhepunkt:
Heumarkt - Kilometer 20. Nur noch 1,095 Kilometer zu laufen. Aber zunächst einmal galt es, den Anstieg auf der Deutzer Brücke zu bewältigen. Bewundernd streifte mein Blick einen Läufer, der mich zackig überholte. Nennen wir ihn "Jan". Der schöpfte wohl gerade die zweite Luft oder durchlebte ein "Runners High". Ich fragte mich unwillkürlich, ob er nicht etwas zu früh anzog und ihn die Puste nicht ganz schnell wieder verlassen würde. Denn der Scheitelpunkt der Brücke war noch längst nicht erreicht und ortskundige Läufer waren clever genug, ihren Schlussspurt bis dahin hinauszuschieben.
Und richtig: Mein geschultes Auge sah ein leichtes Straucheln. Ich ahnte die Katastrophe, noch bevor Jan sie in ihrem ganzen Ausmaß überblickte. Er nahm das Tempo raus - und wie! Und das ausgerechnet am legendären Scheitelpunkt der Deutzer Brücke, nur ca. 700 Meter vor der Ziellinie. Wir anderen, wir zogen geschmeidig an ihm vorbei, das Tempo wurde forscher, es ging bergab. Einsammeln, einsammeln. Und noch einen, noch einen, den Fünften, Siebten, Zwölften, Fünfzehnten, Zwanzigsten! Energie ohne Ende und nur noch 200 Meter. Kein Thema. Es ist immer gut, seine Kräfte einzuteilen und nach hinten raus noch etwas Luft zu haben. Da, die Ziellinie ... und
der letzte Schritt.
Nachspiel:
Ende.



