Berlin Marathon 2007

Hier ist Raum für eure Lauferlebnisse, Höhepunkte bei Wettkämpfen und Kurioses, das euch während eurer Läufe widerfahren ist.

Moderator: Speedy

Berlin Marathon 2007

Beitragvon ctirol » 04.10.2007 / 23:13

Hi ihr!

Als Einsteiger in die Läufergilde möchte ich euch ein wenig meine Eindrücke über meinen ersten Marathon, und den gleich in Berlin, wiedergeben.

Also, meinen Traum, einmal :D einen Marathon zu laufen, den habe ich schon des längeren. Als Aussi aus Tirol ist natürlich der Vienna City Marathon erste Wahl. Theoretisch zumindest, denn seit 2005 versuche ich es schon, doch immer wieder ist es mir gelungen, Ausreden für eine Nichtteilnahme zu finden. Nein, ganz so ist es natürlich nicht, aber das Frühjahr schein nicht meine Zeit zu sein. Verletzungen, Erkrankungen etc reichten um den Mut zu verlieren! :cry:
Auch heuer war es wieder so, eine alte operierte Schulterverletzung machte sich dermaßen bemerkbar, dass ich kurzerhand im Jänner auf dem OP-Tisch landete. 6-8 Wochen Nixtun, Wien ade!!! :evil:

Aber genau in meiner Frustphase kam Besuch aus Berlin. Mein vor 7 Jahren ausgewanderter Neffe reiste zu einer Familienfeier und zum Skifahren nach Tirol. Bei Wein und Bier wurde ordentlich gefeiert und auch das Thema "Laufen" kam auf den Tisch. Nach einigem Hin- und Her kam die Meldung von Thomas (Neffe), warum kommst nicht nach Berlin!!! :shock: Ja warum eigentlich nicht? Gesagt getan, ich sagte "ich komme"!
Von nun an war alles anders. Trainingspläne wurden erstellt, Zeitvorgaben als zusätzliche Motivation bestimmt und zu guter Letzt habe ich mich, um ja nicht wieder eine Ausrede zu finden, gleich bei diesem Mega-Event angemeldet, den Flug gebucht und das Hotel fixiert.
Meine Frau als auch meine Schwester mit Langzeitfreund konnte ich als Schlachtenbummler gewinnen. Dass meine Schwägerin dies auch gleich zu einem Besuch bei ihrem Sohn nutzte und mich auch noch als Zuseher motivierte, war zusätzlich Motivation.

So und nun war es so weit. Am Donnerstag den 27.09. flogen wir schon von München aus nach Berlin. Man wollte natürlich die Zeit bis Sonntag nützen und als Aussi die Hauptstadt unseres großen Bruders, hoffe ich darf das so sagen, ordentlich erkunden. Mit normalem Hausverstand betrachtet natürlich ein Schwachsinn. Entweder Stadt ansehen oder Sport betreiben. Aber dazu komme ich noch später.
Auf alle Fälle haben wir bis zum Sonntag zwei zusätzliche Marathons absolviert, nur mit dem Unterschied, meine Begleitung musste am Sonntag nur zusehen! :?

Sonntag, 30.09.07!
Aufstehen um 05:30 (hätte ich mir sparen können, denn geschlafen hab ich praktisch nichts), Frühstücken und ab zum Treffpunkt, den ich mit Thomas (Neffe) ausgemacht habe. Thomas hat zudem seinen Nachbarn, der ebenfalls startete mit an Bord und so hatte ich eine perfekte Führung durch den Dschungel des Strassen und U-Bahnnetzes.
Punkt 08:45 stand ich aufgewärmt in meinem Startblock und wunderte mich nur wie relaxt ich das ganze wegsteckte. Zeitweise dachte ich, meine Pulsuhr geht nicht, denn mehr als 80-95 Pülserchen waren darauf nicht abzulesen. Ich war so ruhig wie NIE!

Um 09:07 ging ich nach den zweiten Startschuss über die Startlinie. Nach dem Motto alles oder nix ging ich ins Rennen. Kaum zu glauben, aber das Laufen war nicht wirklich ein Problem. Zügig ging es Richtung Siegessäule. Gleichmal suchte ich mir einen Hasen (in diesem Fall stimmte es, es war eine Frau), die genau mein Tempo lief. Leider ging mir diese bei einer Versorgungsstation verloren. Im Vorfeld habe ich mir keine Schonung auferlegt, denn ich wollte meinen Ersten unter 4h laufen.
Schon die ersten Zwischenzeiten signalisierten mir, du bist schnell, sehr schnell sogar. Aber was solls, ich fühlte mich gut, nein sehr gut und mit dem Bewusstsein gut trainiert zu haben geht man da Leichtsinniger mit seinen Ressourcen um.
Die ersten 10 waren nur so an mir vorbei gerauscht, der 15er kaum registriert und nachdem ich die HM- Distanz weit unter der selbst auferlegten Zeit abspulte, war alles Sonnenschein. Ich fühlte mich stark, top in Schwung und voll motiviert, den zweiten teil ebenso runter zu spulen.
Das ging so bis km 25 weiter. Hier dachte ich, wenn das beim passieren der 30km-Marke immer noch so ist, dann geh ich auf die 03:40 los.
So und nun kam etwas, was mir in meiner ganzen Vorbereitung NIE passiert ist, meine Muskeln, zuerst die linke Wade, dann die rechte Wade verhärteten. Und zwar dermaßen, dass ich bei km 28 dachte, das Ziel siehst du nie! :x Schlagartig war mir klar, die 3 Tage quer durch Berlin haben Spuren hinterlassen. Klasse, da bereitet man sich Monate auf so ein Ereignis vor, und dann das. Meine Verzweiflung war groß, aber mein Wille war größer! Ich kann doch nicht nach Berlin reisen, meine ganze Sippe mitnehmen und dann auf dem letzten Streckenabschnitt liegen bleiben! Nein, das geht nicht. Ich kann euch sagen, das waren lange, schmerzhafte Kilometer bis zur Glückseeligkeit. Noch dazu hat ab km 36-37 (Potsdamer Platz) auch noch mein linker Oberschenkel Zeichen abgegeben. Ich wusste, jetzt stehen bleiben, oder gehen und du bist draussen. Jede Wasseraufnahme passierte nur im laufen, grad nicht stehen. So ging es Meter für Meter und KM für KM weiter.
Endlich ein Lichtblick, das Brandenburger Tor tauchte aus dem Blickwinkel auf. Jetzt war klar, du wirst es schaffen, und du wirst unter 4h bleiben. Es gab dadurch nochmals Energie aus den Tiefen des Körpers. Allerdings habe ich mir gedacht, die letzten Meter bis ins Ziel können doch nicht so lange sein!

Als ich das Ziel durchlaufen habe, die Uhr stoppte, da war ich nur Glücklich! Ein irres Gefühl, mein erster Marathon ist Realität und das dazu noch in Berlin!
Müde und von Schmerzen gequält machte ich mich auf den Weg zum duschen, um anschließend mit den Meinigen das wohlverdiente Bier zu trinken!

Sagen möcht ich noch, dass ALLES in Berlin perfekt organisiert war, alles vollkommen stressfrei erlebt werden konnte und dass ich sicher nochmals (2008?) nach Berlin komme, um die 03:40 zu knacken! :wink:

So, nun sage ich allen die diesen Artikel zu Ende gelesen haben, ein herzliches Danke und vielleicht trifft man sich mal bei einem "kurzen" Marathon! :wink:

Schöne Grüße aus Tirol
Christian

Platz / Overall: 12163
Platz / Overall: 1144 (in Altersklasse / Agegroup: M50)

Nettozeit / chiptotal: 03:55:10
Bruttozeit / clocktotal:03:56:38

Halb 1 / First half: 01:48:52
Halb 2 / Second half: 02:06:17

Zeit pro km / Time per km: 05:34
Geschwindigkeit / Speed: 10.77 km/h

5 km: 00:26:39
10 km: 00:52:12 / 00:25:33
15 km: 01:17:21 / 00:25:10
20 km: 01:42:57 / 00:25:37
25 km: 02:09:46 / 00:26:49
30 km: 02:38:07 / 00:28:22
35 km: 03:07:34 / 00:29:27
40 km: 03:41:10 / 00:33:37
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Beitragvon Speedy » 08.10.2007 / 10:11

Meine Güte, Christian!

Das nenne ich mal einen ausführlichen Laufbericht!
Und ich dachte, ich selbst wäre ein Vielschreiber! :wink:

Vielen Dank hierfür! Besonders im Kontext der Analyse zum Berlinmarathon hier im Forum und der Beschwerden Vieler, dass viel zu viel über Gebrselassies Weltrekord und viel zu wenig über den Breitensport berichtet wurde. Ein Erfahrungsbericht einer Läuferin oder eines Läufers, die/der mittendrin war ist etwas anderes als eine TV-Livesendung über die Besten der Besten...! :idea:
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Beitragvon claudihgl » 14.10.2007 / 14:54

Das hast Du super toll geschrieben! Sei stolz auf Deinen ersten Marathonerfolg... (ich wollt' ich wär schon soweit) !

Herzlichen Glückwunsch!
Wenn die Klügeren immer nachgeben, passiert nur das, was die Dummen wollen...
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