Ein Knirps zeigte freudig überrascht mit dem Zeigefinger auf mich und wählte
seinen bedrohlichsten Schlachtruf:
„Laooooooooooooo Waiiiiiiiiiiii!!!“.
Ich grinste ihn freundlich an und entgegnete: „Zhi Dao La!“ (= „Weiß ich!“).
Denn der Bengel erzählt mir schließlich damit nichts Neues. Von der Tatsache, dass
ich ihm auf Chinesisch antwortete, war er dermaßen geschockt, dass er sich hinter
seiner Mami versteckte.
Während ich es den Kindern (selbst vierjährige Bälger kannten schon schwierige Wörter wie
„Lao Wai“ und das in Gegenden, wo sie in den vier Jahren ihres Lebens vermutlich noch nie
einen Ausländer gesehen haben) durchgehen lasse, mich ständig als Ausländer zu titulieren,
nervte es mich nach über zwei Wochen pausenlosem „Lao Wai“, wenn Erwachsene sich gegenseitig
auf die Schulter tippten, nur damit die anderen ja nicht unseren Anblick verpassten und es
versäumten, ebenfalls mit dem Finger auf uns zu zeigen. Sprachgeschichtlich betrachtet war
„Lao Wai“ einstmals so etwas wie eine Respektsbekundung. Davon ist allerdings heutzutage
nichts mehr übrig geblieben. Der ausgestreckte Zeigefinger und die teilweise ablehnende
Mimik könnten irgendwie in direktem Zusammenhang damit stehen.
In der Fehlannahme, alle Lao Wai könnten kein Chinesisch - tatsächlich wurden wir auch
schon mal gefragt, ob wir „die Sprache des Auslands“ sprechen würden, also Englisch, denn
viele Chinesen gehen davon aus, dass es weltweit nur zwei Sprachen gebe, das hoch entwickelte
Chinesisch und die Ersatzsprache Englisch – wurden hinter unserem Rücken schon öfter mal
abfällige Bemerkungen fallen gelassen. Meine Freundin war sich nicht immer sicher, ob ihre
hervorragenden Chinesischkenntnisse ausschließlich von Vorteil sind.
Inzwischen kam ich mir vor wie ein Modell auf dem Laufsteg, als ich den Knirps und jede
Menge andere Chinesen hinter mir ließ und mich ins Unterholz schlug. Die matschigen Wege
entlang des Sees gewährten mir jedoch höchstens einen Kilometer lang Abgeschiedenheit,
bevor mir ein hilfsbereites Mädchen das berüchtigte:
„Xiao Xin di Hua“ entgegenschrie. „Aufpassen! Rutschgefahr!“.
Ich wollte ihr zu verstehen geben, dass ich keineswegs die Absicht hatte unbedacht über
glitschigen Untergrund zu rennen, musste jedoch nach einem eröffnenden „Mei You…“
passen. Der Satz war viel zu schwierig für mich!
weiter...
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