Um den Sachverhalt zu verdeutlichen, muss ich etwas weiter ausholen:
Sie haben sicherlich schon einmal, wahrscheinlich öfter, ein Fußballspiel gesehen? Wenn
nicht im Stadion, so wenigstens im Fernsehen? Viele Fußballer haben die Angewohnheit,
sich ihre Nase zu putzen, indem sie das eine Nasenloch zu halten und durch das andere
Nasenloch den Rotz hinauspusten. Sobald dies erledigt ist, wird das zweite Nasenloch
zugehalten, und die Prozedur wiederholt. Anschließend werden die Hände säuberlich am T-Shirt oder
der Hose abgewischt und der Vorgang ist erfolgreich abgeschlossen. Übrigens eine Unart,
die sich zunehmend auch in der Läufercommunity durchsetzt. Zumindest bei den männlichen
Läufern.
Als wir also – ich war gerade erst in China angekommen – in einem Restaurant in Shanghai
essen waren, nahm ich staunend zur Kenntnis, dass viele Chinesen sogar bei Tisch ihre
Nasenlöcher auspusten oder kräftig die Nase hochziehen und das Produkt auf den Boden
rotzen. Ein ganz normaler Vorgang, den lediglich kleinliche Menschen aus dem westlichen
Kulturkreis unangenehm finden. In China ist dies kein Problem. Hingegen gilt es bei einigen
Zeitgenossen als extrem unhöflich, sich die Nase mit einem Taschentuch zu putzen.
Dies vorausgeschickt, lässt sich also zusammenfassen, dass die Chinesen Folgendes beobachteten:
Einen Lao Wai, der mit unchinesisch flottem Laufstil und einem Grinsen im Gesicht in ein
Papiertaschentuch schnüffelt und die einzige Parkanlage Tonglings unsicher macht, wobei er
in alle Fettnäpfchen tritt, die er auf seinem Weg finden kann.
Kein Wunder, dass Entsetzen an Stelle von Begeisterung herrschte.
Nachdem ich mein Taschentuch verstaut und einige weitere hundert Meter zurückgelegt hatte,
wurde ich gefragt, ob ich für die Olympischen Spiele 2008 in Peking trainieren würde.
In aller Unbescheidenheit (und da mein Chinesisch für eine adäquate Antwort sowieso nicht
ausgereicht hätte) bejahte ich diese Frage und legte – um meine Glaubwürdigkeit zu untermauern –
sogar noch einen Zahn zu.
weiter...
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